Flugblatt 21. Dezember 1954:

Liebe Jazzfans, Studenten und alle, denen die Kajüte zur zweiten Heimat geworden ist.

Gewissermaßen als Weihnachtsgeschenk beeilte sich der Senat von Berlin uns mitzuteilen, daß die Kajüte, das Stammlokal der Studenten und Jazzfans am Rathaus Schöneberg kurzfristig geschlossen werden muß.

Es ist zu vermuten, daß dieser überraschende Entschluß nicht allein wegen der baulichen Veränderungen getroffen wurde. Vor längerer Zeit nämlich ist von maßgeblicher Seite in Ausschußsitzungen erklärt worden, daß ein Jazzlokal in unmittelbarer Nähe des Rathauses ein “Schandfleck” sei, wie uns vertraulich mitgeteilt wurde.

Obwohl in den eineinhalb Jahren ihres Bestehens als Jazzlokal die Kajüte über zahlreiche prominente Gäste berichten kann, die Presse des In- und Auslandes in über 100 Artikeln sich mit unserer Arbeit befaßte, Berliner und Westdeutsche Sendestationen uns mit Reportagen beachteten und sich schließlich der ganze Betrieb in völliger Ruhe und Ordnung abwickelte, was anderen Berliner Lokalen nachzuseisen schwer fallen dürfte, überraschte uns der Entschluß des Berliner Senats nicht sonderlich. Es ist eine bedauerliche Tatsache, daß bei unseren Verwaltungsstellen der “Jazz” als leider geduldete Krachmacherei hingenommen wird. Wir werden den Leuten im Rathaus aber beweisen, daß wir nicht eine Clique krakeelender Halbstarker sind und die Schließung mit Würde zur Kenntnis nehmen.

Als Ausdruck unseres Protestes jedoch rufen wir Sie hiermit zur Teilnahme am Schweigemarsch am Dienstag, den 21. Dezember 1954, 21 Uhr auf, der uns von der uns von der Kajüte zur “Eierschale am Breitenbachplatz” (unserem neuen Treffpunkt) führen wird.

Die Kapellen des Jazz-Club werden uns bei Fackelschein begleiten.

Wir bitten Sie aber schon jetzt, sich ordnungsgemäß und ruhig dabei zu verhalten, damit die betreffenden Dienststellen keinen Grund für ihre Verleumdungen gegen den Jazz und seine Anhänger finden.

Mit freundlichen Grüßen
JAZZ-CLUB BERLIN
H. W. Schneider

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